Kontext im Arbeitszeugnis: „Er war die letzten Jahre ein guter Minister“

Ein öffentliches Arbeitszeugnis für einen Landesminister, das ist doch was für uns! Nach dem Abgang von Alexander Bonde analysieren wir das öffentliche Statement seines Chefs Winfried Kretschmann. 

Alexander Bonde Arbeitszeugnis

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (r.) und der Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Alexander Bonde (l.) Quelle: Staatsministerium

Als Webseitenbetreiber tut man gut daran, unpolitisch zu bleiben. Zumindest, wenn man nicht gerade einen Politikblog betreibt, den Webauftritt einer Partei verantwortet oder sich durch öffentliche Auslassungen profilieren muss, um im Politikbetrieb „jemand zu werden“. Das ist zumindest unsere Meinung und das halten wir auch weiter so – wohl wissend, dass auch der Standpunkt „Alles ist politisch!“ vertretbar ist.

Und doch wagen wir uns heute ein weniger näher an das Thema heran. Für die, die es verpasst haben: Gestern wurde der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Alexander Bonde vom Landesvater Winfried Kretschmann mit folgenden Worten verabschiedet:

„Er war die letzten Jahre ein guter Minister“

Als Team, das sich mit Formulierungen in Arbeitszeugnissen und der tatsächlichen Bedeutung von wertenden Aussagen darin beschäftigt, wurden wir da natürlich hellhörig.

Nur „Gut“?  

Ein solch hohes Amt, gepaart mit der Notwendigkeit, im heutigen Medienumfeld mit möglichst extremen Formulierungen um die Aufmerksamkeit der Leser zu buhlen, hätte eher etwas erwarten lassen wie „herausragender Minister“.

Nur die „letzten Jahre“?

Was war denn in den ersten Jahren los, nicht so doll performed?

Kein Bedauern des Abgangs

Wenn ein Team ein wirklich wertvolles Mitglied verliert, machen die meisten Häuptlinge ihrem Bedauern Luft, auch als Anerkennung für den scheidenden Kollegen. Typischerweise hört man da Dinge wie „Wir bedauern sein Ausscheiden sehr“ / „Ein großer Verlust für unser Team“ etc. Nicht aber bei Alexander Bonde.

Auf den ersten Blick haben wir also das Gefühl, für einen wirklich geschätzten Minister wäre insgesamt wohl mehr drin gewesen. War sich Winfried Kretschmann des einschränkenden Charakters dieser Aussage bewusst? Oder hat hier lediglich seine gnadenlose Bescheidenheit eine unaufgeregte, normale Formulierung zur Folge gehabt?

Kein Arbeitszeugnis ohne Kontext

Ohne die Hintergründe und den Kontext zu kennen, lässt sich weder dieses noch ein „normales“ Arbeitszeugnis korrekt interpretieren. Nicht unerheblich ist da der Hintergrund zum selbstverkündeten Abgang von Bonde, eine außereheliche Affäre. Sowas kommt nicht gut an in einer bürgerlich-konservativ angestrichenen Kiwi-Koalition (lies: außen Grün, innen schwarze Kerne). Es könnte also durchaus sein, das dies in der Art der Verabschiedung, dem öffentlichen „Arbeitszeugnis“, zum Tragen gekommen ist.

Ironie des Ganzen: Die mutmaßlich gehörnte Ehefrau von Bonde ist ex-Bundestagsabgeordnete der CDU, die Ehe war also „Vorreiter“ einer Grün-Schwarzen Koalition. Allerdings würden wir nicht so weit gehen, hier einen Zusammenhang zu konstruieren im Sinne von „Bonde musste gehen, um jegliches ziehen von Parallelen zur Regierungskoaltion zu vermeiden“.

Weiterhin muss man in Sachen Kontext auch sehen, dass Politiker ihre eigenen Aussagen typischerweise dreimal umdrehen und auf mögliche Interpretationen abprüfen, bevor sie sie aussprechen. Das ist ihr Beruf und Teil des Spiels, das sie mitspielen wollen, oftmals stehen hierfür sogar dedizierte Teams per Partei oder Amt zur Verfügung. Von daher wäre die Annahme, Kretschmann sei sich der einschränkenden Natur seiner Aussage vielleicht nicht bewusst gewesen, wohl etwas naiv.

Aber auch die innerparteilichen Verhältnisse könnten eine bewusste Zurückhaltung verursacht haben. Wir können zwar nur spekulieren, aber das scheint hier tatsächlich keine Rolle gespielt zu haben. Bonde gehört wie auch Kretschmann klar zum „Realo“-Flügel der Grünen, sie spielen also innerparteilich im selben Lager. Falls ein Leser hier mehr Einblick hat, gerne in den Kommentaren.

Gesamtbewertung verhalten, dafür aber explizites fachliches Lob 

Als nächster Punkt fallen einige weitere Aussagen auf, die Kretschmann abseits des in den Medien oft zusammenhangslos zitierten „Er war die letzten Jahre ein guter Minister“ gemacht hat. Er hat nämlich auch gesagt: „Der Ländliche Raum und der Naturschutz waren in besten Händen“ und Bonde habe etwas geschafft, dass jede Landesregierung in den 25 Jahren zuvor gescheut habe: die Einrichtung des Nationalparks Schwarzwald.

Hier haben wir also eine (für tatsächlich sehr gute Bewertungen) typische superlativ-Formulierung „in besten Händen“, sowie ein explizites Lob dessen, was Bonde fachlich erreicht und durchgesetzt hat. Die Bewertung seiner Arbeit als „lediglich gut“ aus dem Haupt-Statement wäre also doch etwas zu relativieren. Aber so tief muss man eben erstmal graben und wenn Kretschmann gewollt hätte, wäre das Haupt-Statement auch eindeutiger ausgefallen.

Unser Fazit

Alles in allem ist das hier natürlich kein vollständiges Arbeitszeugnis, es sind einige wenige öffentliche Aussagen und alle Beteiligten haben sicher auch das Ziel des Betroffenen im Hinterkopf: Wenig Rummel, Schutz der Familie.

Aber man kann davon ausgehen, dass Alexander Bonde vor allem aus einem Blickwinkel für seinen Chef (und dessen neue Partner) nicht mehr tragbar ist: Trotz der (ihm ja auch öffentlich zugestandenen) erbrachten Leistungen, hat Alexander Bonde seine Rolle als makelloses Vorbild und seine Integrität verspielt. Um den „Rest der Truppe“ vor einer Infektion durch diesen Mangel zu schützen, hat Winfried Kretschmann hier wohl bewusst eine eher zurückhaltende Gesamtbewertung der Arbeit des Alexander Bonde gewählt. Der starke Fokus der eindeutig positiven Aussagen auf das „Erreichte“ und das Weglassen einer persönlichen Sympathiebekundung oder Freundschaft mit dem scheidenden Minister sagen letztlich mehr, als das explizit Ausgesprochene.

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